Schreibseminar mit Christa Wolf
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Christa Wolf kam mit ihrem Mann Gerhard für ein Gastseminar in die Schweiz, an die ETH in Zürich. Adolf Muschg, er war seit 1970 Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich, stellte ihr seinen Platz zur Verfügung, während er in Japan weilte. Es war 1987 und ich war Germanisitikstudentin in Bern. Mit einem selbstgeschriebenen Text mussten wir uns für die Teilnahme bewerben und mein Text wurde genommen. Ich bekam Bescheid. Ich war dabei.

Begegnung an der ETH Zürich
Es war ganz schön aufregend, ihr zu begegnen. Sie strahlte viel Autorität aus, dachte nach, bevor sie sprach und ich hatte das Gefühl, als schaue sie durch mich hindurch. Sie erzählte uns von einer Welt, die ich nicht kannte. Von einem Ort, an dem es keine Werbung gab, von einem Ort, den ich mir damals, als die Banden unserer öffentlichen Eislauffelder und Fussballplätze noch nahezu werbelos waren, kaum vorstellen konnte.

Ein Tag im Jahr
Seit 1960 hatte sie den 27. September, einen Tag in ihrem Jahr, beschrieben. So auch Sonnabend, den 27. September 1986, Christa Wolf besucht an diesem Tag die Kassandra-Aufführung in Zürich.
Zitat:
„…Von mehreren Seiten wird mir zugeredet, das Angebot von der Universität für den nächsten Herbst, dort Vorlesungen und Seminare zu halten, anzunehmen. Vorschläge werden gemacht, was ich tun könnte usw. Als wir dann mit dem Regisseur und seiner Frau Viumje gehen, neige ich dazu, diese Vorschläge anzunehmen und zurückzukommen. Wir gehen zum Auto, die Frau fährt, sie ist Kunsthistorikerin, erzählt ein wenig davon, was sie tut, unterwegs reden sie über ihre Wohnung ausserhalb von Zürich, man könne jetzt nur noch ausserhalb wohnen, die Stadt sei ja am Wochenende leer, sie laden mich für den Sonntag ein, noch mal reden wir über die Arbeit am Text, usw., die Fahrt ist kurz, die meisten Plätze in Zürich sind ja nicht weit voneinander entfernt.“ (Quelle: Christa Wolf, Ein Tag im Jahr, 1960- 2000, Luchterhand, 2003, Seite 394)

Nun war es an uns, wir mussten alle den 6. November 1987 beschreiben. Damals konnte ich nicht wissen, dass zehn Jahre später, genau an diesem Tag, meine erste Tochter zur Welt kommt. Beide Tage sind mir aber in bleibender Erinnerung geblieben. Ebenso Christa Wolf und ihr Mann Gerhard, übrigens ein äusserst warmherziger Lyriker.

Ein Jahr – Ein Tag – Ein Leben
Am 1. Dezember 2011 ist Christa Wolf gestorben. Das Schweizer Fernsehen widmet ihr eine Sternstunde Kunst. Der Film nimmt das im Jahr 2003 veröffentlichte Tagebuch „Ein Tag im Jahr“ als Leitfaden eines sehr persönlichen Porträts der deutschen Schriftstellerin; er spricht von ihrer Kunst, vor allem aber von ihrem bewegten Leben und liefert interessante Einblicke in deutsch-deutsche Zeitgeschichte. Hier gibt es den ganzen Film beim SF Video-Portal zu sehen.

SF1, Samstag, 14. Januar, 9:55 bis 10:55 Uhr, Die Schriftstellerin Christa Wolf, ein Jahr – Ein Tag – Ein Leben