Muttersprache und befreundete Sprachen
Gestern wurde im Club unter der Leitung von Röbi Koller über die Schweiz und ihre Sprachen diskutiert: Bonjour, Grüezi, Hello? – Verstehen Sie Schweizerisch? Auffallenderweise war nur eine Frau eingeladen, die welsche Deutschschweiz-Korrespondentin von «La Liberté» und «Swissinfo» Ariane Gigon, die in Zürich lebt.

Auslöser für die Diskussion soll der Genfer Nationalrat Antonio Hodgers gewesen sein, der die Mundartsprache ganz in die Privatsphäre verbannen und das Hochdeutsche zur öffentlichen Sprache generell erheben will. Das passe vielen Deutschschweizern nicht. Wie wichtig ist die Mundart für die Identität? Muss die einheitliche Landessprache neutral sein und soll gar das Englische – als geläufigste Fremdsprache – zur Amtssprache erhoben werden?

Einig war man sich darüber, dass Englisch in der Schweiz wenig zu suchen hat. Antonio Hodgers erzählte, dass er auch schon einen Auftrag nicht erhalten hat, da er nicht in deutscher Mundartsprache sprechen konnte. Peter Rothenbühler plädierte dafür, dass zuerst Hochdeutsch gelernt werden müsse, bevor man Mundartsprache lerne und fand es gar einen Blödsinn, dass Antonio Hodgers nun Mundartsprache lernt.

Pedro Lenz plädierte fürs Französisch, weil wir ja ganz nahe Nachbarn haben, die Französisch sprechen: wenn er Kinder hätte, flöge er mit ihnen ins Welsche aus und die dürften dann auf Französisch in der Beiz bestellen. Kinder hätten eine natürliche Begeisterung für Sprache. Leider ist ihm noch gut in Erinnerung, wie kompliziert die ersten französischen Sätze waren, die wir in der Schule lernten. Ältere Frauen könnten noch perfekt Französisch (in Langenthal und Umgebung), da sie für ein Jahr ins Welsche gegangen seien nach der Schule, die Ungebildeten in eine Bäckerei und die Gebildeten in eine Handelsschule, heute gehe man nach Australien.

Ariane Gigon machte sehr viele und engagierte Aussagen. Ihre Eltern haben mit ihr nur eine Sprache gesprochen, weil man früher sagte, Mehrsprachigkeit schade den Kindern. Das ist zum Glück heute nicht mehr so. Dadurch sind aber wichtige Chancen verpasst worden. Sie habe mittels Sprachkurs ihre Ängste verloren und könne nun reden. Sie verstehe jetzt sehr gut Schweizerdeutsch: „wenn alles gut geht und ich nicht krank bin.“ Es sei eine Frage der Neugier: „Man will den anderen entdecken, die Stadt, das Land, die Leute.“

Unter der Leitung von Röbi Koller diskutierten:

Jean-Frédéric Jauslin, Direktor Bundesamt für Kultur BAK
Antonio Hodgers, Nationalrat Grüne/GE
Pedro Lenz, Schriftsteller und Mundartpoet
Peter Rothenbühler, Direktionsmitglied «Edipresse»
Ariane Gigon, Deutschschweiz-Korrespondentin «La Liberté», «Swissinfo»
Iwar Werlen, Sprachwissenschafter Universität Bern

Hier gibt es die ganze Sendung.

Kommentar: Es ist leider immer noch so, dass Französisch in der Schule mit den kompliziertesten Sätzen gleich zu Beginn gelehrt wird und ich als Mutter schulpflichtiger Kinder, Sprachbegeisterte und Nachhilfelehrerin frage mich jedes Mal, wie kann sich jemand nur solche Lehrmittel ausdenken, was steckt da für eine Didaktik dahinter? Eine Sprache sollte leichtfüssig begonnen werden, nur so kann Sprachfreude entwickelt werden.

Jean-Frédéric Jauslin betonte, dass wir einen hohen Anspruch haben in der Schweiz und die Sprachen möglichst perfekt sprechen wollen. Röbi Koller illustrierte das, indem er eine spezielle Formulierung von Ariane Gigon als „Versprecher“ hervorhob und ihren Redefluss unterbrach, was mich ärgerte. Ariane Gigon dagegen war nur kurz irritiert, dann sprach sie weiter. Gerade ihre durch die welsche Muttersprache gefärbten Formulierungen machten mich neugierig und ich hörte ihr genau und gerne zu.